Erst verstehen. Dann streiten. Über Medien, Wahlkampf und die vielleicht wichtigste Aufgabe, die Medien gerade vergessen

Erst verstehen. Dann streiten. Über Medien, Wahlkampf und die vielleicht wichtigste Aufgabe, die Medien gerade vergessen

Ich habe diese Woche 44 Minuten lang ein Video über die AfD gesehen.

Das klingt zunächst nicht besonders bemerkenswert und ist ehrlicherweise auch nicht ganz richtig. Zum einen, weil ich tagtäglich viele Videos sehe und zum anderen, weil es zwar um die AfD ging – aber anders, als am Anfang gedacht. In Deutschland wird gerade sehr viel über die AfD gesprochen. Und mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an diesem Sonntag wird es naturgemäß noch einmal mehr. Bemerkenswert fand ich etwas anderes.

Nach diesen 44 Minuten hatte ich nicht das Gefühl, dass mir jemand erklärt hatte, warum die AfD gut oder böse ist. Ich hatte das Gefühl, etwas anderes besser verstanden zu haben. Und dass ich etwas tun muss: Nutzen wir unsere Reichweite nicht nur, um über Menschen zu urteilen – nutzen wir sie, um auf sie zuzugehen!

Das Video heißt „Was passiert, wenn die AfD regiert?“ und stammt von Simplicissimus. Es wurde am 2. September veröffentlicht und hatte innerhalb eines Tages bereits mehr als eine Million Aufrufe.

Wer Simplicissimus nicht kennt: Dahinter stehen die beiden Gründer Jonas und David und inzwischen eine ziemlich große professionelle Redaktion und Produktion. Angefangen haben sie 2015 während ihres Studiums. Von 2019 bis 2022 gehörte Simplicissimus zum öffentlich-rechtlichen funk-Netzwerk, danach gingen die Macher wieder in die Eigenständigkeit. Heute gehört der Kanal zu den reichweitenstärksten deutschsprachigen Angeboten für politische und gesellschaftliche Videoessays. Mehr als 2,4 Millionen Menschen haben ihn abonniert.

Und ich fand dieses Video bemerkenswert unaufgeregt. Natürlich hat es einen Anlass. In Sachsen-Anhalt könnte die AfD erstmals stärkste Kraft bei einer Landtagswahl werden. Der Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Das Video untersucht deshalb eine sehr konkrete Frage: Was würde eigentlich passieren, wenn diese Partei tatsächlich regiert? Nicht: Wie verhindern wir das? Nicht: Wie schlimm wäre das? Sondern erst einmal: Was kann eine Landesregierung eigentlich? Was kann sie nicht? Welche Institutionen kann sie verändern? Wo setzt das Grundgesetz Grenzen? Was passiert mit Polizei, Bildung, Medien, Kultur und Verwaltung? Welche Rolle spielt der Verfassungsschutz? Und wie widerstandsfähig sind unsere Institutionen eigentlich, wenn eine Partei sie nicht nur verwalten, sondern nach ihren eigenen politischen Vorstellungen umbauen möchte?

Dabei ist dieser Mechanismus zunächst vollkommen normal. Parteien treten zu Wahlen an, weil sie gestalten wollen. Wer die Regierung übernimmt, besetzt Ministerien, verändert politische Prioritäten, verteilt Budgets anders, macht Personalpolitik und versucht, seine Vorstellungen durchzusetzen. Genau dafür wählen wir Parteien.

Dabei ist dieser Mechanismus zunächst vollkommen normal. Parteien treten zu Wahlen an, weil sie gestalten wollen. Wer die Regierung übernimmt, besetzt Ministerien, verändert politische Prioritäten, verteilt Budgets anders, macht Personalpolitik und versucht, seine Vorstellungen durchzusetzen. Genau dafür wählen wir Parteien.

Die Frage ist also nicht, ob eine AfD-Regierung versuchen würde, Sachsen-Anhalt nach ihren Vorstellungen zu verändern. Selbstverständlich würde sie das. Jede Regierung tut das.

Die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn politische Gestaltung an Institutionen heranreicht, deren Aufgabe gerade darin besteht, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen? Und genau da wurde das Video für mich interessant. Weil es erklärt. Es liefert ein Koordinatensystem. Es gibt mir ein Verständnis in vielen Bereichen von etwas – und entweder kann ich innerlich einen Haken dran setzen und fühle mich bestätigt. Oder ich entdecke etwas, was ich vorher so nicht wusste.

Und dann habe ich mich über meine eigene Branche geärgert. Warum können wir das nicht viel öfter? Wann haben wir eigentlich aufgehört, Erklären für eine journalistische Leistung zu halten?

Vielleicht ist diese Frage unfair. Immerhin clickbaiten die Jungs hier auch auf dem Titelbild: „Es beginnt“ und das AFD-blau, dass wie schlechtes Blut ein „Herz“ durchströmt. Das ist jetzt auch nicht gut und hätte man mit ein bisschen Nachdenken auch anders machen müssen.

Und natürlich erklären auch „wir“ Medien. Wir haben hervorragende Journalistinnen und Journalisten, großartige Korrespondenten, ProduzentInnen, investigative Redaktionen, Datenjournalismus, Podcasts und politische Magazine.

Aber wir haben gleichzeitig ein Mediensystem gebaut, in dem etwas anderes immer wichtiger geworden ist: Aufmerksamkeit. Wer ist zuerst? Wer hat die Eilmeldung? Wer hat das stärkere Zitat? Wer greift wen an? Wer zerlegt wen? Wer fordert wessen Rücktritt? Wer hat gewonnen? Wer hat verloren? Wer liegt in der neuen Umfrage vorne? Und irgendwann weit darunter kommt eine erstaunlich banale Frage: Worum geht es eigentlich?

Das wäre kein großes Problem, wenn wir alle dieselben Voraussetzungen hätten. Haben wir aber nicht. Kein Mensch kann gleichzeitig Experte für Migration, Rentenrecht, Bundeshaushalt, Pflegeversicherung, Verteidigung, Klimapolitik, Ukraine, Nahost, Energiepreise, Kommunalfinanzen und europäisches Recht sein.

Ich bin seit 30 Jahren beruflich in Medien unterwegs und muss mir ständig Dinge erklären lassen, von denen andere offenbar voraussetzen, dass man sie wissen müsste. Das ist keine Bildungslücke. Das ist Leben. Und genau deshalb haben wir Journalismus. Politische Bildung. Kommunikation. Deren Aufgabe besteht nicht darin, die Welt einfacher zu machen. Die Aufgabe besteht darin, eine komplizierte Welt so zu erklären, dass Menschen selbst über sie urteilen können.

Vielleicht haben wir das unterschätzt. Denn gleichzeitig ist etwas anderes passiert. Nachrichten sind ein Produkt der Aufmerksamkeitsökonomie geworden. Eine Überschrift konkurriert nicht mehr nur mit der Überschrift einer anderen Zeitung. Sie konkurriert auf meinem Smartphone mit TikTok, Instagram, WhatsApp, Fußball, Katzenvideos, Freunden, Werbung, Netflix und allem anderen, was mich gerade lieber nicht über die Pflegeversicherung nachdenken lassen möchte.

Zahlen stützen das. Der Reuters Institute Digital News Report 2026 zeigt, wie verschieden die Wege zu Nachrichten inzwischen sind. 67 Prozent der erwachsenen Online-Bevölkerung in Deutschland nutzen mindestens einmal pro Woche Nachrichten im Internet, 36 Prozent kommen über soziale Medien mit ihnen in Kontakt. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 60 Prozent; für 17 Prozent dieser Altersgruppe sind soziale Medien sogar der einzige Kontaktweg zu Nachrichten. Gleichzeitig sehen 59 Prozent aller Befragten regelmäßig Nachrichten im linearen Fernsehen, unter den 18- bis 24-Jährigen aber nur 32 Prozent. Eine ganze Generation ist damit nicht für Journalismus verloren. Aber dieselbe politische Wirklichkeit erreicht uns heute durch unterschiedliche Zugänge, Auswahlmechanismen und Absender.

Natürlich verändert das Journalismus. Eine Überschrift wie „Rentensystem vor dem Kollaps“ funktioniert in diesem System vermutlich besser als: „Warum unser Rentensystem unter Druck steht und welche unterschiedlichen Möglichkeiten es gibt, darauf zu reagieren.“

Das erste erzeugt ein Gefühl. Das zweite erzeugt Wissen. Beides kann Journalismus sein. Aber es ist nicht dasselbe. Und vielleicht liegt genau dort ein Teil unseres Problems. Denn wo Wissen fehlt, entsteht Platz. Und diesen Platz füllt jemand. Wenn wir Migration nicht verständlich erklären, erklärt sie jemand auf TikTok. Wenn wir den Bundeshaushalt nicht erklären, erklärt ihn ein Politiker in 30 Sekunden. Wenn wir nicht erklären, was eine Landesregierung mit dem Verfassungsschutz machen kann und was nicht, erklärt es jemand, der vielleicht ein Interesse daran hat, nur die Hälfte der Geschichte zu erzählen.

Die einfachste Erklärung gewinnt dann möglicherweise nicht, weil Menschen dumm sind. Sondern weil wir die verständliche Erklärung vorher nicht geliefert haben. Wie gesagt – Simplicissimus ist hier am Anfang kein Deut besser – erst mal einen „Raushauen“. Und damit werden sie auch Menschen abschrecken, die überlegen, die AFD zu wählen oder sich gar schon entschieden haben. Denn die wollen nicht so negativ assoziiert angesprochen werden!

Und selbst wer Nachrichten grundsätzlich wichtig findet, hält diese Daueransprache nicht immer aus. Im Reuters Institute Digital News Report 2026 sagen 72 Prozent, dass sie Nachrichten zumindest gelegentlich aktiv vermeiden; zugleich nutzen 90 Prozent mehrmals pro Woche Nachrichten. Viele steigen also nicht vollständig aus. Sie lassen bestimmte Themen oder Zeiten aus, weil Krisenberichterstattung sie erschöpft oder die Stimmung belastet. Das allgemeine Nachrichtenvertrauen bleibt mit 46 Prozent stabil, während Nachrichten in sozialen Medien nur 13 Prozent vertrauen und knapp die Hälfte Sorge hat, online Fakten und Falschmeldungen nicht auseinanderhalten zu können. Wir beziehen mehr Informationen über Räume, denen wir selbst kaum vertrauen, und gehen auf Abstand, wenn uns die Nachrichten überfordern. Genau in diesem widersprüchlichen Raum wächst der Zweifel.

Und irgendwann steht ein Wort im Raum: Lügenpresse. Ich mag diesen Begriff nicht. Er ist historisch belastet und wird als politischer Kampfbegriff benutzt, um Journalismus grundsätzlich zu delegitimieren. Aber vielleicht haben wir es uns manchmal etwas zu einfach gemacht, darauf nur empört zu reagieren. Denn was meint jemand eigentlich, wenn er sagt: „Ich glaube den Medien nicht mehr“? Meint er wirklich immer: „Ihr lügt?“

Oder meint er manchmal: „Meine Wirklichkeit kommt bei euch nicht vor. Ihr redet über Menschen wie mich, aber selten mit uns. Ihr habt eure Gäste, eure Experten, eure Hauptstadtstudios und eure Panels – und ich erkenne mein Leben darin nicht wieder. Ihr sagt mir, dass meine Wahrnehmung falsch ist, bevor ihr mich gefragt habt, warum ich sie habe.“

Die Frage ist nicht nur rhetorisch. Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen kommt für 2024 nicht zu dem Ergebnis, dass Deutschland flächendeckend das Vertrauen in Journalismus verloren hätte: 47 Prozent vertrauen den Medien bei wichtigen Dingen, 20 Prozent misstrauen ihnen. Gleichzeitig sehen 34 Prozent eine Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Zuständen, die sie selbst erleben, und ihrer Darstellung in den Medien. Und der Medienzynismus wächst: Jeder Fünfte stimmt inzwischen der Aussage zu, die Bevölkerung werde von den Medien systematisch belogen; zwei Jahre zuvor waren es 14 Prozent. Ebenfalls 20 Prozent meinen, Medien untergrüben die Meinungsfreiheit. Das ist keine Mehrheitsmeinung. Aber es ist zu viel, um es nur als Problem der anderen abzutun.

Vielleicht müssen wir da von unseren Rössern runter und mit Menschen reden. Nicht nur mit denen, die wir verstehen, sondern gerade mit denen, die wir nicht verstehen. Und die uns nicht verstehen! Mit dem AfD-Wähler. Mit der Grünen-Wählerin. Mit dem Unternehmer. Mit der Pflegekraft. Mit dem Rentner. Mit der Studentin. Mit dem Menschen mit Migrationsgeschichte. Mit dem, der seit zwanzig Jahren nicht mehr wählen geht. Nicht als möglichst pittoreske ProtagonistInnen für einen bereits fertig gedachten Beitrag. Sondern weil wir wirklich wissen wollen, was sie erleben.

Einer, der genau dort hingeht, ist Marcant aus Frankfurt. Der Jura-Student besucht seit Anfang 2025 AfD-Veranstaltungen, rechtsextreme Demonstrationen und auch Treffen offen neonazistischer Gruppen. Er fragt die Menschen nicht nur, was sie glauben, sondern wie sie zu diesem Glauben gekommen sind: Welche Quelle steckt hinter einer Behauptung? Was würde eine Forderung konkret bedeuten? Gilt der eigene Maßstab auch dann noch, wenn man die Perspektive wechselt? Häufig werden dabei Widersprüche sichtbar, ohne dass er sie schon in der ersten Sekunde ausrufen muss. Erst fragt er, dann prüft und ordnet er das Material für seine Videos ein.

Marcant ist dabei ausdrücklich kein neutraler Journalist. Er ist ein politischer Aktivist mit einer klaren antifaschistischen Haltung, seine Beiträge sind ausgewählt und geschnitten, und er will rechtsextremen Erzählungen etwas entgegensetzen. Ebenso naiv wäre die Behauptung, Rechtsextremismus entstehe bloß aus einer Informationslücke und verschwinde, sobald jemand geduldig genug erklärt. Ideologie, Ressentiment, Zugehörigkeit und Machtinteressen lassen sich nicht wegmoderieren. Aber seine Methode enthält etwas, das wir Medienmenschen uns genauer ansehen sollten: hingehen, zuhören, nach Informationsquellen und Denkwegen fragen, Widersprüche sichtbar machen und erst dann einordnen. Zu oft betrachten wir solche Menschen wie einen Autounfall: fasziniert, erschrocken und mit einem schnellen Urteil, aber ohne uns zu fragen, an welcher Stelle Medien, Schule, Politik oder Staat sie mit ihren Fragen allein gelassen haben.

Dass Marcant 2026 für dieses Engagement die Theodor-Heuss-Medaille erhielt, macht ihn nicht automatisch zum Vorbild für Journalismus. Und die rund 500 Menschen, die ihm laut einem ZDF-Bericht geschrieben haben, sie hätten auch wegen seiner Videos mit der rechtsextremen Szene gebrochen, sind Selbstauskünfte und kein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis. Trotzdem zeigen sie, dass Gespräch, Gegenrede und verständliche Einordnung Menschen erreichen können, die klassische Medien mit ihren Formaten womöglich längst nicht mehr erreichen.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Journalismus jede Position bestätigen muss. Im Gegenteil. Wenn eine Behauptung falsch ist, ist sie falsch. Wenn jemand lügt, muss man es sagen. Wenn demokratische Institutionen angegriffen werden, muss Journalismus das benennen. Fairness bedeutet nicht Äquidistanz zur Wahrheit. Aber ein Mensch sollte nach einem journalistischen Beitrag zumindest sagen können:

Die haben verstanden, warum ich das denke. Sie haben meine Position korrekt wiedergegeben. Sie haben überprüft, was daran stimmt. Und wenn sie mir widersprechen, verstehe ich wenigstens warum. Vielleicht ist genau dieses Gefühl verloren gegangen.

Nicht bei allen. Nicht überall. Aber bei zu vielen. Und das können wir nicht ausschließlich den Menschen vorwerfen. Wir tragen Verantwortung dafür. Mit „wir“ meine ich inzwischen übrigens sehr viele. Journalisten. Sender. Verlage. Produzenten. YouTuber. Podcaster. Creator. Plattformen. Politiker. Und irgendwann auch uns selbst.

Denn wir sind längst nicht mehr nur Mediennutzer. Mit jedem Share werden wir ein kleines bisschen zum Sender.

Früher gab es zwischen einer politischen Behauptung und einer Million Menschen normalerweise eine Redaktion. Heute kann dazwischen ein Share-Button liegen. Damit verändert sich auch die Verantwortung: für den, der sendet, für die Plattform, die auswählt, und für uns, wenn wir weiterleiten.

Aber führt wachsendes Misstrauen tatsächlich dazu, dass Menschen in andere „News“-Quellen wechseln? Ein Stück weit ja, nur nicht als große Völkerwanderung. Der Info-Monitor 2025 der Medienanstalten unterscheidet zwischen Überzeugten, Kritischen, Skeptischen und Ablehnenden. 26 Prozent gehören zur skeptischen, sieben Prozent zur ablehnenden Gruppe. Beide nutzen häufiger Suchmaschinen, soziale Netzwerke und sogenannte alternative Medien als Menschen, die etablierten Medien vertrauen. Das ist ein Zusammenhang, noch kein Beweis für eine einfache Kausalkette. Misstrauen kann Menschen zu anderen Quellen treiben; diese Quellen können das Misstrauen anschließend weiter verstärken.

Die Reichweite solcher Angebote wird zugleich leicht überschätzt. Der MoTra-Monitor 2024/25 fasst 27 Studien zusammen: Zwischen sieben und 17 Prozent der Deutschen kommen zumindest gelegentlich mit politischen Alternativmedien in Kontakt; wöchentlich tun das zwei bis vier Prozent. Die eigenen Langzeitdaten des Monitors zeigen von 2021 bis 2025 keinen generellen Zuwachs bei rechtsaußen angesiedelten Alternativmedien. Auffällig ist etwas anderes. Die Nutzung konzentriert sich auf eine kleinere, dafür engagiertere Gruppe. Aus einem Massenpublikum wird also nicht automatisch eine Gegenöffentlichkeit. Aber eine relativ kleine Gemeinschaft kann sehr präsent sein, wenn sie Inhalte dauernd teilt, kommentiert und in immer neue Kanäle trägt.

So entsteht eine Subkultur nicht nur durch andere Fakten, sondern durch ein anderes Verhältnis zum Rest der Öffentlichkeit. Eine DFG-geförderte qualitative Langzeitstudie der Universitäten Bremen und Mannheim zeigt, dass Nutzerinnen und Nutzer alternative Medien häufig bewusst als Gegenentwurf zu einer vermeintlich einheitlichen „Mainstream“-Öffentlichkeit verstehen. Das Angebot lautet dann nicht bloß: Hier ist eine weitere Nachricht. Es lautet: Wir zeigen dir, was die anderen verschweigen. Wer sich darauf einlässt, bekommt Information, aber auch Zugehörigkeit, gemeinsame Gegner und das Gefühl, hinter die Kulissen zu sehen. Polemik ist in diesem System kein Unfall. Sie kann das Bindemittel sein.

Gelenkt wird das nicht von einem einzigen geheimen Aggregator. Ein großer Teil der politischen Information in sozialen Medien wird nebenbei aufgenommen, nicht gezielt gesucht. Empfehlungssysteme lernen aus Sehdauer, Likes, Kommentaren, geteilten Beiträgen und den Kontakten eines Accounts. Inhalte, die empören oder eine klare Freund-Feind-Geschichte anbieten, haben dafür gute Voraussetzungen. Eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW zu 1.000 Beiträgen politischer Influencer im Bundestagswahlkampf 2025 fand bei 59 Prozent keine klare Trennung von Meinung und Information; Emotionalisierung, Zuspitzung und Feindbilder gehörten häufig zum Muster. Das Institute for Strategic Dialogue beobachtete in einem begrenzten TikTok-Test zur Bundestagswahl zudem, dass AfD-Fanseiten unter den ersten ausgespielten politischen Videos überproportional vertreten waren. Das beweist keine flächendeckende Manipulation aller Feeds. Es zeigt aber, warum wir mehr Einblick in Empfehlungssysteme brauchen.

Was kann man dagegen tun? Faktenchecks bleiben nötig, reichen aber am Ende der Kette oft nicht aus. Journalismus muss früher ansetzen: erklären, wie eine Nachricht entsteht, Unsicherheit offenlegen, Lebenswirklichkeiten abbilden und dort ansprechbar sein, wo Misstrauen wächst. Schulen und politische Bildung sollten weniger einzelne „richtige“ Quellen auswendig lernen lassen und stärker üben, eine Behauptung bis zur Originalquelle zurückzuverfolgen, Gegenbelege zu suchen und zwischen Nachricht, Meinung und Kampagne zu unterscheiden. Die Plattformen wiederum müssen offenlegen, warum Inhalte empfohlen werden, politische Werbung und ihre Geldgeber nachvollziehbar machen, Forschenden Zugang gewähren und eine nicht personalisierte Auswahl leicht erreichbar anbieten. Genau dafür schafft der europäische Digital Services Act erste Pflichten. Und demokratische Stimmen müssen in denselben Räumen vorkommen. Nicht als Kopie der Polemik, aber verständlich, beharrlich und bereit zum Gespräch. Marcant ist dafür kein fertiges Rezept. Er zeigt nur, dass man eine Öffentlichkeit nicht zurückgewinnt, indem man sie von außen verachtet.

Und vielleicht müssen wir deshalb auch noch einmal darüber nachdenken, was öffentlich-rechtlich eigentlich bedeuten könnte. Nicht institutionell. Ich meine als Idee. Warum gibt es vor einer Wahl nicht einen gemeinsamen Raum, in dem wir erst einmal erklären?

Nehmen wir Migration. Und die – aus meiner persönlichen Sicht – Unart, in die die Diskussionen oft gelenkt werden. Wie kann ein eigentlich neutrales Wort so missverständlich und vielfältig genutzt und verändert werden, dass es plötzlich wertender Bestandteil unserer Sprache wird?Bevor zwei Politiker aufeinander losgelassen werden, könnten wir fünf Minuten lang erklären: Worüber reden wir eigentlich? Wo scheint ein Problem zu liegen – und wo wird ein Problem benannt, was faktisch vielleicht gar keins ist? Über wie viele Menschen reden wir? Und was unterscheidet sie und macht sie so auffällig in der Diskussion? Was bedeutet Asyl? Was ist Arbeitsmigration? Was ist EU-Freizügigkeit? Was ist Familiennachzug? Was davon wird in der politischen Diskussion gerade miteinander vermischt? Welche Entscheidungen kann eine Bundesregierung treffen? Welche nicht? Was kostet etwas? Welche Einnahmen stehen dagegen? Welche Zahlen kennen wir? Und welche eben nicht?

Danach dürfen sich Politiker leidenschaftlich darüber streiten, was sie verändern wollen. Aber wir Zuschauer hätten vorher etwas bekommen. Ein Koordinatensystem.

Oder nehmen wir Steuern. Nicht zuerst: „X wirft Y Steuerlüge vor.“ Zeigt mir drei Menschen. 30.000 Euro Einkommen. 60.000 Euro. 120.000 Euro. Und jetzt zeigt mir, was die jeweiligen Vorschläge für diese drei Menschen bedeuten.

Danach kann ich selbst entscheiden, welchen Vorschlag ich gerechter finde. Das wäre für mich politische Bildung, ohne dass Medien zu Lehrern werden. Denn eigentlich besteht die Aufgabe von Medien in einer Demokratie gar nicht darin, Menschen zu sagen, was sie denken sollen. Die Aufgabe besteht darin, ihnen einen Teil der Arbeit abzunehmen, die notwendig ist, damit sie selbst denken können.

Und dazu gehört noch etwas. Begegnung. Unsere Gesellschaft findet immer weniger in einem gemeinsamen medialen Raum statt. Wir haben unsere Feeds. Unsere Gruppen. Unsere Podcasts. Unsere Creator. Unsere Zeitungen. Unsere Wahrheiten.

Vielleicht besteht eine der wichtigsten zukünftigen Aufgaben großer Medien deshalb darin, diesen gemeinsamen Raum wieder herzustellen. Einen Ort, an dem Menschen jedweder Art, Herkunft und Hintergrund, die vollkommen unterschiedlich denken, wenigstens für eine Weile dieselbe Wirklichkeit betrachten.

Nicht damit sie anschließend derselben Meinung sind. Das wäre keine Demokratie. Demokratie ist das Verfahren, mit dem Menschen, die sich fundamental widersprechen, trotzdem zusammenleben. Aber dafür müssen sie miteinander reden können. Und dafür müssen sie sich wenigstens darauf einigen können, worüber sie eigentlich streiten.

Vielleicht hat mich deshalb dieses Simplicissimus-Video so beschäftigt. Nicht weil es mir erklärt hat, dass die AfD gut oder böse ist. Sondern weil es eine Frage gestellt hat, die eigentlich vor jeder parteipolitischen Diskussion stehen müsste:

Was ist dieses Deutschland eigentlich, das wir am Sonntag mit unserer Stimme verändern wollen? Wie funktioniert es? Was schützt unsere Demokratie? Was kann eine Regierung verändern? Was darf sie verändern? Und wo haben wir entschieden, dass sie es nicht darf? Das Grundgesetz ist schließlich kein abstraktes Dokument, das irgendwo in Karlsruhe bewacht wird. Es ist die Spielregel, nach der wir miteinander streiten können, ohne dass einer irgendwann entscheidet, dass nur noch seine Mannschaft mitspielen darf.

Vielleicht sollten Medien diese Spielregeln häufiger erklären. Und danach alle aufs Spielfeld lassen. Nicht nur diejenigen, deren Meinung uns gefällt. Erst verstehen. Dann streiten.

Eigentlich keine besonders revolutionäre Idee.

Aber vielleicht wäre es vor einer Wahl schon ein ziemlich guter Anfang.

Quellen (Stand: September 2026)

Reuters Institute Digital News Report 2026 – Ergebnisse für Deutschland, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut: https://leibniz-hbi.de/wp-content/uploads/2026/06/AP83_DNR26_Deutschland.pdf  |  Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen 2024, Johannes Gutenberg-Universität Mainz / Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: https://medienvertrauen.uni-mainz.de/files/2025/05/Langzeitstudie-MV-2024.pdf  |  Info-Monitor 2025, die medienanstalten: https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/die_medienanstalten/Forschung/Info-Monitor/Info-Monitor_2025.pdf  |  MoTra-Monitor 2024/25, Abschnitt politische Alternativmedien: https://www.jura.uni-hamburg.de/media/die-fakultaet/aktuelles/motra-monitor-2024-25-buch-kemmesies-et-al-2026.pdf  |  Schöppl/Schwarzenegger, „Gegenöffentlichkeit als Gefühl?“, Publizistik 2025: https://link.springer.com/article/10.1007/s11616-025-00872-z  |  Landesanstalt für Medien NRW, „Political Influencer zwischen Journalismus und Algorithmus“, 2025: https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Forschung/Sonstiges/2025_LFM-NRW_Studienbericht_Political_Influencing.pdf  |  Institute for Strategic Dialogue, TikTok-Empfehlungssysteme vor der Bundestagswahl 2025: https://www.isdglobal.org/digital-dispatch/towards-transparent-recommender-systems-lessons-from-tiktok-research-ahead-of-the-2025-german-federal-election/  |  Europäische Kommission, Digital Services Act und Empfehlungssysteme: https://germany.representation.ec.europa.eu/digital-services-act-dsa-eu-regeln-fur-digitale-plattformen-schutz-der-meinungsfreiheit-und-von_de  |  Tagesspiegel, „Mit Nazis spricht man nicht – oder doch?“, 23.01.2026: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/mit-nazis-spricht-man-nicht–oder-doch-dieser-youtuber-zeigt-was-es-bringen-kann-15163037.html  |  ZDF, „Marcant – Content gegen Rechts“, 05.07.2026: https://www.zdf.de/video/reportagen/37-grad-leben-102/marcant–auf-tiktok-gegen-rechts-102  |  Theodor-Heuss-Stiftung, Preisträger und Medaillenträger 2026: https://www.theodor-heuss-stiftung.de/der-preis/