Und ich dachte, das wäre geklärt – Teil 1

Und ich dachte, das wäre geklärt – Teil 1

Läuft mir da tatsächlich gerade eine Träne durchs Gesicht?

Es ist Mai 2026. Ich bin 53, ein erwachsener Mann, der gerade eine Menge in seinem Leben geändert und mindestens genauso viel neu verstanden hat. Und ich sitze da in einem Garten im Brandenburgischen – ich korrigiere: in MEINEM Garten im Brandenburgischen – und merke, dass mir eine Träne durchs Gesicht läuft.

Der Tag fing eigentlich ziemlich unspektakulär an. Die Sonne scheint, der Kaffee schmeckt und ich setze mich um 9.30 Uhr ins Auto und fahre raus. Heute ist Übergabe. Nur mit dem Unterschied, dass mir diesmal kein Vermieter einen Schlüssel zur Wohnung gibt und erklärt, wo die Sicherungen sind. Mir werden die Schlüssel zu meinem Haus übergeben.

Und danach gehört es mir. Mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Ich bin mit dem ziemlich klaren Wert aufgewachsen, dass ein eigenes Haus etwas Besonderes ist. Das muss man sich verdienen. Meine Eltern haben Mitte der Achtziger mit großem Stolz ihr erstes Haus gekauft. Ich ahne heute, dass sie deswegen wahrscheinlich auch einige schlaflose Nächte hatten. Finanzierung. Zukunft. Verantwortung.

Aber ein Haus galt.

Und ich? Ich hatte eigentlich nie die große Ambition, in dieses „Mein Haus, mein Baum, mein Kind“-Game einzusteigen. Nicht mit 30. Und auch nicht mit 50. Ich war eher so generationsmäßig auf Krawall gebürstet, dass ich die Bilder meiner Mutter – Gott hab sie selig – mit kleinen Babys auf dem Arm ziemlich konsequent ignorierte. Die Botschaft war nicht besonders subtil. Sie hätte gerne einen Enkel oder eine Enkelin gehabt. Ich wollte sie trotzdem nicht hören.

Damit war „mein Kind“ schon mal raus.

Irgendwann in den 90ern war ich dann bei irgendeiner Aktion dabei, bei der wir zig Bäume gepflanzt haben. Was soll ich sagen: Auch das fühlte sich seltsam an. Aber immerhin.

Baum: erledigt.

Blieb das Haus. Und da griff bei mir immer eine wunderbare Mischung aus Existenzangst, „gegen alles sein“ und der latenten Überzeugung, dass ein eigenes Haus irgendwie spießig ist. Vor allem aber: Ballast.

Was, wenn morgen das Telefon klingelt und mir jemand einen großartigen Job irgendwo anbietet? Dann muss man doch flexibel sein.

Travel light.

Nur: Sind wir mal ehrlich. Passiert das wirklich? Ich habe in meinen 23 Jahren bei der UFA zig Anrufe von Headhuntern bekommen. Und keinen einzigen davon bis zum Ende verfolgt. Immer hat irgendetwas nicht gestimmt.

Der Job. Der Ort. Das Timing. Das Geld. Irgendwas. Vielleicht war die Wahrheit auch einfach: Es war bequem, wo ich war.

Das ist schon interessant. Mehr als zwei Jahrzehnte beim selben Unternehmen arbeiten und sich gleichzeitig für einen Menschen halten, der unbedingt maximal flexibel bleiben muss. Vielleicht war dieses „Travel light“ also weniger Gen X, als ich gerne behauptet habe. Vielleicht war es einfach meine Geschichte über mich selbst.

Fast forward, 2025.

Ich habe mir ziemlich genau drei Objekte angeschaut. Ein Haus am Rand des Waldes in Belzig. Eine Wohnung im Industriegebiet von Moabit. Und ein Haus am Storkower Kanal. Das war es. Bei letzterem habe ich innerhalb von drei Wochen ein Angebot gemacht und es gekauft.

Einfach so.

Nicht mit dem Plan, sofort ganz aus Berlin rauszuziehen. Aber mit dem Plan, dort etwas zu haben, das bleibt. Ein Zuhause.

Nicht falsch verstehen: Ich liebe mein Zuhause in Neukölln. Aber ich weiß eben auch: Das hier ist nicht meins. Wenn ich hier neue Kacheln an die Wand klebe, muss ich sie irgendwann wieder abnehmen. Wenn ich das in meinem Haus mache, dann sind das meine Kacheln auf meiner Wand.

Das klingt albern. Ist es wahrscheinlich auch. Aber mit jedem Tag, an dem einem bewusster wird, was man da eigentlich gemacht hat, werden zwei Dinge klar. Das wird bleiben. Und es wird sich mit mir verändern.

Wenn ich dort eine Wand rausnehme, verändert das den Charakter des Hauses. Wenn ich einen Baum pflanze, steht der wahrscheinlich noch da, wenn ich längst vergessen habe, warum ich ihn genau an diese Stelle gesetzt habe. Plötzlich bekommen Wände, Gegenstände, Bäume, Gebüsche und sogar der verdammte Rasen Bedeutung.

Und wenn ich eine Sache in meinem Leben ziemlich erfolgreich vermieden habe, dann vielleicht genau das: Dingen – und leider zu oft auch Menschen – Bedeutung zu geben, obwohl man weiß, dass man sie dann nicht mehr ganz so leicht hinter sich lassen kann.

Travel light.

Ein Freund aus England hat das einmal so genannt.

Ich mochte diesen Gedanken. Möglichst wenig Ballast. Beweglich bleiben. Nicht zu viel besitzen. Sich nicht unnötig festlegen. Und vielleicht galt das bei mir manchmal nicht nur für Wohnungen und Jobs. Vielleicht war die offene Tür gelegentlich wichtiger als der Raum, in dem ich gerade stand. Das klingt weniger cool als „Travel light“. Ist aber möglicherweise ehrlicher. Und vielleicht kostet diese Form von Freiheit eben auch etwas. Nicht, weil Freiheit falsch wäre.

Sondern weil jede Entscheidung, alles möglichst offen zu halten, gleichzeitig eine Entscheidung dagegen ist, irgendwo einen Haken zu setzen und zu sagen:

Hier.

Hier gehöre ich hin.

Ändert ein Haus das?

Nein.

Ein Haus ist ein Haus. Vier Wände, ein Dach und, wie ich inzwischen weiß, eine erstaunliche Anzahl von Dingen, für die plötzlich niemand außer mir zuständig ist. Aber es hilft mir, etwas zu verstehen.

Ich saß da in meinem Garten und verstand plötzlich meine Eltern etwas besser. Sie wollten ankommen. Ich verstand meine Kolleginnen und Kollegen besser – ein Haus, ein Kind, verändert die Wahrnehmung und Verantwortung. Ich verstand Beziehungen besser – es geht nicht um den „Nestbau“ – es geht um gemeinsame Werte und vielleicht manchmal auch um ein „Thema im Haus“, das vom Rest ablenken kann. Es geht um eine Haken – und zwar nicht an „mein Haus, mein Baum, mein Kind“ – sondern daran, dass man auch ein bisschen sagen kann, wohin man gehört.

Und möglicherweise habe ich all die Jahre gegen die Form rebelliert und dabei übersehen, dass ich das Bedürfnis dahinter ziemlich gut kenne. Ich erinnere mich an die Blicke der Leute, denen ich von meiner Entscheidung erzählt habe. Interessanterweise war da wenig Sorge.

Viel Respekt. Viel Freude. Viele Ideen.

Und erstaunlich wenig: „Du Spießer.“ Das hat mich überrascht. Und berührt.

Vielleicht auch deshalb, weil ich mit 53 plötzlich etwas getan hatte, von dem ich jahrzehntelang dachte, dass es überhaupt nicht zu mir gehört.

Und jetzt saß ich da.In meinem Garten. Ich dachte darüber nach, wie viele Freunde nächstes Jahr hier zum Grillen kommen sollen. Wer mit mir in den Kanal springen wird. Wo alle sitzen. Was wir trinken. Wie lange die Abende werden.

Und irgendwann dachte ich: Das ist schön. Einfach so.

Einfach nur schön.