Lebenszeit – oder: Warum der Abspann vielleicht gar nicht mehr das Ende unserer Arbeit ist

Lebenszeit – oder: Warum der Abspann vielleicht gar nicht mehr das Ende unserer Arbeit ist

Ich stand im Juli in Beijing bei ungefähr 35 Grad und einer Luftfeuchtigkeit, bei der man als Mitteleuropäer eigentlich nur noch darüber nachdenkt, welche klimatisierten Räume man als Nächstes aufsuchen könnte. Um mich herum standen Menschen in schwarzen Umhängen.

Harry Potter. Harry Potterinnen. Sehr viele davon.

Im Universal Beijing Resort warteten sie darauf, sich vor dem Hogwarts Express fotografieren zu lassen. Schwarzer Umhang. Zauberstab. 35 Grad. Ich habe das erst belächelt und dann ziemlich schnell aufgehört zu lachen. Denn irgendwann dachte ich: Eigentlich kann man als Produzent kaum mehr erreichen.

Wir kämpfen seit Jahrzehnten darum, dass Menschen Zeit mit unseren Geschichten verbringen. Wir diskutieren Marktanteile, Einschaltquoten, Streams, Abrufe, Completion Rates und inzwischen darüber, ob die ersten drei Sekunden eines Videos spannend genug sind. Und dort stehen Menschen freiwillig schwitzend in einem schwarzen Umhang, weil sie für ein paar Stunden Teil einer Geschichte sein wollen. Vielleicht reden wir bei IP über die falsche Sache.

Wir diskutieren über Inhalte, Produktionen, Budgets und Head of Departments, bedienen unsere und die Eitelkeiten anderer. Aber vielleicht sollten wir mehr über Lebenszeit reden.

Lebenszeit ist schließlich die wichtigeste Währung der Menschheit. Und sie hat eine ziemlich unangenehme Eigenschaft: Sie lässt sich nicht skalieren.

Wir können inzwischen nahezu unbegrenzt Content produzieren. Distribution ist sowieso kein Engpass mehr. Streaming, YouTube, TikTok, Instagram, Podcasts, Games, Creator, Broadcaster und Mediatheken konkurrieren um dieselben 24 Stunden. KI wird das Angebot weiter erhöhen, weil Herstellung schneller und billiger wird.

Nur der Mensch bekommt keine 25. Stunde dazu.

Eine Zahl taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: mehr als elf Stunden Mediennutzung täglich in den USA. Sie stammt unter anderem aus dem Nielsen Total Audience Report und wurde bereits 2018 erhoben. Nielsen sprach damals von mehr als elf Stunden täglicher Interaktion mit Medien. Wichtig dabei: Das sind keine elf sauber nacheinander konsumierten Stunden. Medien laufen parallel. Smartphone beim Fernsehen. Audio während der Arbeit. Second Screen zum First Screen. Aus Produzentensicht könnte man sagen: hervorragend. Mehr Medienzeit.

Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Vielleicht haben wir die Grenze dessen, was wir an zusätzlicher Bildschirmzeit gewinnen können, irgendwann ziemlich gut ausgereizt. Vielleicht ist die interessantere Frage inzwischen nicht mehr, wie wir noch zehn Minuten zusätzlich bekommen. Sondern was eine Stunde mit unserer Geschichte eigentlich wert ist. Und dann wird – ausgerechnet – die reale Welt wieder interessant.

Nach dem Abspann fängt das Geschäft vielleicht erst an.

Location Based Entertainment, immersive Shows, Freizeitparks, Ausstellungen, Pop-ups, Theater, Live Entertainment. Das klingt ein bisschen nach der Nebenverwertung, über die man irgendwann spricht, wenn Film oder Serie erfolgreich waren. Vielleicht ist genau das der Fehler.

McKinsey hat Anfang 2026 einen ziemlich bemerkenswerten Text über Location Based Entertainment veröffentlicht. Die Unternehmensberatung sieht gerade kleinere, regionale und temporäre Experiences als Wachstumsfeld für Marken und IP-Inhaber. Gen Z besucht immersive Experiences laut deren Untersuchung 1,5-mal häufiger als die Gesamtbevölkerung und viermal häufiger als ältere Generationen.

Auch die Marktprognosen sind beachtlich, wobei man solche Prognosen immer mit Vorsicht genießen sollte. Grand View Research beziffert den weltweiten Markt für Location Based Entertainment 2025 auf 7,4 Milliarden Dollar und erwartet bis 2033 49,2 Milliarden. Das wäre ein jährliches Wachstum von gut 26 Prozent.

Warum? Vielleicht auch, weil wir irgendwann genug Bildschirm haben.

Eventbrite nennt einen seiner Trends für 2026 „Reset to Real“. 79 Prozent der dort befragten 18- bis 35-Jährigen wollen 2026 mehr Veranstaltungen besuchen. Gesucht werden laut der Untersuchung gerade Erlebnisse, die nicht perfekt wiederholbar und durchchoreografiert sind, sondern Begegnung und Beteiligung ermöglichen. Eventbrite verdient sein Geld mit Events, ist also keine neutrale wissenschaftliche Instanz. Aber ich finde die Beschreibung trotzdem ziemlich treffend.

Reset to real.

Vielleicht standen deshalb die Menschen in Beijing nicht trotz unserer vollkommen digitalisierten Medienwelt in ihren Hogwarts-Umhängen herum. Vielleicht standen sie auch ein bisschen wegen ihr dort.

Wir produzieren Geschichten. Andere bauen Welten.

Harry Potter ist natürlich das denkbar unfairste Beispiel. Eine der größten Entertainment-IPs der Welt, Warner Bros., Universal, Investitionen in Milliardenhöhe. Daraus eine Lektion für einen deutschen Produzenten abzuleiten wäre ungefähr so hilfreich, wie einem mittelständischen Maschinenbauer zu empfehlen, doch einfach Apple zu werden.

Interessant wird es deshalb eine Nummer kleiner. Und plötzlich landen wir bei einer kleinen Geschichte, an der ich selbst beteiligt war. Mal wieder – Ku’damm.

Als wir Ku’damm für das ZDF gemacht haben, haben wir zunächst einmal Fernsehen gemacht. Eine Geschichte, Figuren, eine Welt. Später wurde daraus gemeinsam mit BMG, Annette Hess, Peter Plate und Ulf Leo Sommer ein Musical. Das war keine automatische Verlängerung eines Fernseherfolgs. Da mussten unterschiedliche Partner, Rechte, Kreative und Interessen zusammenkommen. In meiner eigenen beruflichen Rückschau beschreibe ich genau diesen Weg vom Fernsehstoff auf die Bühne.

Und damit passiert etwas Merkwürdiges mit einer Fernseh-IP. Menschen schauen sie nicht mehr nur auf dem Endgerät. Sie fahren irgendwo hin. Sie kaufen ein Ticket. Sie sitzen mit anderen Menschen in einem Raum. Sie verbringen einen Abend mit dieser Geschichte. Vielleicht gehen sie vorher essen. Vielleicht danach etwas trinken. Menschen arbeiten im Theater, auf der Bühne, in der Technik, an der Bar, im Marketing, an der Kasse. Plötzlich erzeugt eine Geschichte Bewegung.

Und Bewegung erzeugt Wirtschaft. Wir finanzieren Werke. Andere finanzieren Welten.

Besonders interessant finde ich deshalb gerade Michael Mack. Denn bei ihm läuft die Denkrichtung fast umgekehrt. Ed und Edda waren zuerst Figuren des Europa-Park. Dann wurde daraus mit „Grand Prix of Europe“ ein 90-minütiger Kinofilm, produziert von Michael Mack und MACK Magic in Koproduktion mit Warner Bros. Film Productions Germany. Gleichzeitig entstand im Europa-Park „Grand Prix EDventure“, ein interaktiver 3D-Darkride. Dazu kamen ein Videospiel, VR, Eisshow und Lizenzprodukte. Der Film selbst erreichte laut MACK bis November 2025 mehr als zwei Millionen Kinobesucher in 52 Ländern.

Das finde ich bemerkenswert. Der klassische Filmproduzent entwickelt einen Film und fragt nach einem Erfolg irgendwann: Was können wir daraus noch machen?

Mack besitzt eine Welt und kann fragen: Wo findet diese Welt als Nächstes statt? Im Park. Im Kino. Im Game. Als VR-Erlebnis. Auf Produkten. Und dann wieder im Park. Das ist eine komplett andere Architektur von IP.

2025 kamen erstmals mehr als sieben Millionen Menschen ins Europa-Park Erlebnis-Resort. Natürlich nicht wegen Ed und Edda allein. Das zu behaupten wäre Unsinn. Aber es zeigt die Größenordnung einer Entertainment-Ökonomie, bei der Geschichten nicht ausschließlich dazu dienen, Menschen vor einen Bildschirm zu bekommen. Und dafür braucht man nicht einmal einen Freizeitpark.

Das finde ich fast noch spannender.

Ich habe mir in Shanghai und Shenzhen diverse immersive Theaterstücke und Escape Rooms angeschaut. In Berlin kann ich derzeit beispielsweise „The Jury Experience“ besuchen. Ein immersives Gerichtsdrama. Das Publikum sitzt nicht einfach im Theater und schaut anderen beim Spielen zu, sondern wird selbst zur Jury. Die Geschichte verlangt eine Entscheidung.

Das Geschäftsmodell dahinter ist im Vergleich zu einem Freizeitpark geradezu niedlich klein. Eine Location. Darsteller. Technik. Dramaturgie. Marketing. Ticketing. Aber das Prinzip ist dasselbe.

Ich bezahle nicht nur dafür, eine Geschichte zu sehen. Ich bezahle dafür, darin vorzukommen. Und plötzlich wird aus Storytelling etwas anderes. Die Geschichte braucht einen Ort. Der Ort braucht Menschen. Die Menschen brauchen andere Menschen, die diesen Ort betreiben.

Und damit entstehen Arbeitsplätze, die eine zusätzliche Streamingfolge niemals erzeugt hätte. Was eine Geschichte nach ihrem Ende noch wert ist, lässt sich inzwischen auch wirtschaftlich messen.

Die Warner Bros. Studio Tour London ist dafür ein ziemlich klares Beispiel. 28 Prozent der Besucher kamen 2019 aus dem Ausland. In einer ökonomischen Wirkungsanalyse wurden für die Studio Tour 424 direkte Beschäftigte ausgewiesen. Einschließlich indirekter und induzierter Effekte errechnete die Untersuchung für die lokale Wirtschaft 605 Vollzeitäquivalente und 75,2 Millionen Pfund zusätzliche Bruttowertschöpfung.

Noch extremer ist ABBA Voyage.

Eigentlich gar keine Film-IP. Gerade deshalb finde ich es interessant. Musik, Figuren, Technologie und ein physischer Ort werden zu einem neuen Produkt. Für das erste Jahr wurde eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von 177,7 Millionen Pfund für die Londoner Wirtschaft errechnet; direkt und indirekt wurden mehr als 5.000 Arbeitsplätze unterstützt. Bis Ende 2024 waren rund drei Millionen Tickets verkauft.

Die alten Songs waren vorher schon da. Die IP war da. Neu war die Welt, in die man sie gestellt hat. Und hier beginnt für mich die unangenehme Frage an unsere eigene Branche.

Warum denken wir IP so nur häufig vom Werk aus?

Vielleicht hat das weniger mit mangelnder Fantasie zu tun, als ich zunächst dachte. Unser Produktionssystem ist darauf ausgerichtet, Projekte zu finanzieren. Film. Serie. Staffel. Sender. Plattform. Förderung. Herstellungskosten.

Und dann kommen die Rechte.

Bei einer klassischen vollfinanzierten Auftragsproduktion trägt der Auftraggeber einen großen Teil des wirtschaftlichen Risikos und erhält dafür weitreichende Nutzungsrechte. Das ist nachvollziehbar. Für einen Produzenten verändert es aber die wirtschaftliche Motivation, langfristig Kapital in eine Welt rund um eine IP zu investieren.

Ku’damm zeigt, dass es trotzdem geht.

Aber es braucht Partner. Das britische System ist an dieser Stelle anders konstruiert. Die dortigen Terms of Trade haben unabhängigen Produzenten seit 2003 eine stärkere Position beim langfristigen Besitz und der Verwertung ihrer IP gegeben. Der britische Produzentenverband Pact führt einen erheblichen Teil des Wachstums des Independent-Sektors auf diese Struktur zurück. Der grundsätzliche Unterschied im System ist nteressant und die Frage sei erlaubt – warum enden Fragen nach IP-Rechten in Produktionsfirmen sehr schnell beim „Die liegen beim Auftraggeber“ – und warum will keiner mit den Auftraggebern sprechen? Machen sie es uns wirklich so schwer – oder ist es einfach bequemer, so lange im alen System zu bleiben, solange es noch funktioniert?

Denn wer eine Storyworld besitzt oder besitzen könnte, denkt anders über ihre Zukunft, als jemand, der für ihre Herstellung bezahlt wird. Vielleicht ist das eines unserer eigentlichen Probleme.

Wir reden über IP. Aber wir finanzieren Werke. Keine Welten.

Und jetzt komme ich wieder zu den schwitzenden Harry Potters in Beijing. Vielleicht haben wir Lebenszeit in unserer Branche jahrelang zu billig bewertet.

Ein Stream ist großartig skalierbar. Ein zusätzlicher Zuschauer verursacht fast keine zusätzlichen Kosten. Deshalb lieben wir Reichweite.

Ein Theaterabend ist furchtbar ineffizient. Menschen müssen irgendwo hinfahren. Darsteller müssen jeden Abend wieder auf die Bühne. Jemand muss Licht machen. Jemand muss die Tür öffnen. Irgendjemand verkauft in der Pause überteuerte Getränke.

Und genau deshalb ist dieser Abend anders zu bewertende Lebenszeit. Er findet jetzt statt. Für den Zuschauenden – und die Leute, die den Abend möglich machen. Nicht morgen. Zumindest nicht in der immer gleichen Form.

Ich kann ihn nicht auf 1,5-facher Geschwindigkeit ansehen. Ich kann nicht gleichzeitig noch drei andere Theaterstücke öffnen. Und neben mir sitzt ein anderer Mensch. Mit denen ich direkt danach noch reden kann – wenn ich das möchte!

Vielleicht bekommt genau diese Ineffizienz in einer Welt unbegrenzt verfügbarer digitaler Inhalte plötzlich einen höheren wirtschaftlichen Wert. Dann wäre die nächste große Chance für Filmproduzenten nicht zwingend noch mehr Bildschirmminuten herzustellen. Sondern Geschichten zu bauen, für die Menschen ihr Sofa verlassen.

Das heißt nicht, dass jede Serie jetzt einen Darkride braucht. Bitte nicht. Es heißt auch nicht, dass Deutschland zwanzig Freizeitparks bauen sollte.

McKinseys Analyse finde ich gerade deshalb interessant, weil sie auf kleinere Formate verweist. Temporäre Experiences. Regionale Installationen. Pop-ups. Immersive Shows. Formate, die mit wesentlich geringerem Kapital ausprobieren können, ob Menschen eine Welt tatsächlich betreten wollen.

Vielleicht brauchen wir dafür auch andere Produzenten. Menschen, die Film verstehen und gleichzeitig Live. Dramaturgie und Besucherströme. IP und Hospitality. Storytelling und Games. Produktion und Räume. Ein bisschen Eigenwerbung kann an der Stelle ja nicht schaden – Ruft! Mich! An!

Und vielleicht entstehen genau dort Jobs, während wir an anderer Stelle gerade ziemlich verzweifelt darüber diskutieren, welche Jobs KI in der klassischen Medienproduktion überflüssig machen könnte.

Das wäre zumindest einmal eine angenehm andere Perspektive.

Nach fast 30 Jahren Filmproduktion habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, Menschen dazu zu bringen, Geschichten anzuschauen. Vielleicht beginnt gerade eine Zeit, in der wir sie wieder stärker dazu bringen sollten, Geschichten zu erleben.

Nicht als Ersatz für Film. Als nächste Verwertungsebene einer guten Idee.

Denn der knappste Rohstoff unserer Branche wird nicht Content sein. Davon werden wir eher zu viel haben.

Es wird Lebenszeit sein.

Und vielleicht sollten wir deshalb aufhören, den Erfolg einer Geschichte nur daran zu messen, wie viele Menschen sie gesehen haben. Oder wie lang sie sie gesehen haben – was an sich eine absurde Diskussion ist – zu bemessen, ob 30 Minuten Sehzeit bei 90 Minuten Film ein Erfolg sind, ist nicht richtig: der Zuschauer hat faktisch abgeschaltet!

Mich interessiert zunehmend, was Menschen bereit sind, für eine Geschichte zu tun.

Fahren sie dafür nach Berlin? Nach München? Nach Stuttgart? Kaufen sie ein Ticket? Oder mehr Tickets? Treffen sie andere Menschen? Wollen sie Teil davon sein? Kommen sie wieder?

Und stehen sie dafür bei 35 Grad im Schatten in Beijing in einem schwarzen Hogwarts-Umhang vor einem Zug und wedeln mit einem Zauberstab?

Dann haben wir vielleicht etwas geschaffen, das wertvoller ist als eine weitere Stunde Watchtime. Wir haben einen Teil ihres Lebens zu einer Erinnerung gemacht. Und dafür verlassen Menschen offenbar sogar freiwillig den Bildschirm.